Jaydee


Ich zerrte den leblosen Dämonenkörper von Jess herunter und funkelte sie an. Mein Atem raste. Von der Jagd, vom Töten, von der Sorge um ihre Sicherheit. Noch nie in meinem Leben war ich irgendwo so schnell gewesen wie hier. Es hatte Stunden gedauert, sie endlich ausfindig zu machen. In der Antarktis war ich schon zu spät gekommen, und nun wäre es fast wieder passiert. Mit dem Unterschied, dass sie dann tot gewesen wäre. 

Ich hätte sie fast verloren!

Fast.

Sie lebt.

Sieh sie dir an.

Aber ich konnte nicht. Ich roch das Blut, die Angst, den Tod. Er war überall um uns herum, sickerte in meine Poren, in mein Herz, meine Seele. Wäre ich nur eine Minute später gekommen, ... Ich schloss die Augen, wollte diesen Gedanken nicht fortführen, aber es passierte automatisch: Dann hätte der Schattendämon sie ausgesaugt und ich nur noch ihre ausgetrocknete Leiche gefunden.

Ich schluckte hart an diesem Gedanken, ertrug es kaum, in ihrer Nähe zu sein, obwohl es genau das war, was ich mir in den vergangenen Stunden herbeigesehnt hatte. Mein Herz schrie nach ihr! Ebenso der Jäger.

Nimm sie.

Halte sie.

Tröste sie.

Und dann töte sie. 

Wieder und wieder und wieder drehte ich mich in diesem Kreis, ohne den Ausgang zu finden.

Ich hörte ihr leises Keuchen, sah sie nun doch an und musste mich regelrecht zwingen, ihren geschlagenen Körper zu betrachten. Sie hatte gekämpft. Schon wieder. Auch sie drehte sich im Kreis. War genauso gefangen in diesem Käfig wie ich.

Sie blinzelte, unsicher über mein Verhalten. Ihre Finger zuckten. Gleich würde sie sie ausstrecken und mir entgegenhalten, in der Hoffnung, ich würde ihr nach oben helfen. Aber das würde nicht passieren. Ich konnte sie nicht anfassen. 

Nicht jetzt. Nicht später. Nie.

Sie würde nie das von mir bekommen, was sie sich ersehnte, völlig egal, was in New York zwischen uns passiert war.

Ich schüttelte den Kopf und funkelte sie an. »Achte besser auf deine Umgebung, verflucht noch mal!« Ich legte all den Zorn über diese Situation in meine Stimme, als könnte ich Jess so begreiflich machen, wie sinnlos unsere Beziehung war. »Ich bin nicht immer da, um dich zu retten, bekomm das endlich in deinen Schädel!«

»Ich ...« Sie hielt den Atem an, völlig verunsichert, warum ich so abweisend auf sie reagierte.

Aber es gab nur zwei Dinge, in denen ich wirklich gut war: töten und boshaft sein.

Vielleicht war es ein Fehler gewesen, Jess in New York zu küssen, ihr die Hoffnung zu schenken, dass es eines Tages anders werden könnte, aber verflucht noch mal: Diese Frau brachte mich um den Verstand. Auch jetzt, wo sie hilflos vor mir lag, mit bebenden Lippen und rasendem Herzen. 

Sie will, dass ich ihr helfe. Sie braucht mich!

Ich schnaubte, wischte meinen Dolch am Hosenbein sauber, drehte mich um und lief zurück zum Ausgang des Ladens. Es kostete mich alle Willenskraft, mich von ihr zu entfernen, aber ich musste weg.

Jess war in Sicherheit. Ich hatte sie gerettet, das war alles, was im Moment zählte.

»Jess!«, rief Keira und schob sich an mir vorbei. 

Zorn wallte in mir auf, als ich sie sah. Wegen ihr hatte ich Jess in der Antarktis verloren. Ich war so nahe an ihr dran gewesen, und dann waren beide in einem Portal verschwunden.

Kurz überlegte ich, ob ich Keira hinterher sollte, aber sie hatte Jess bereits aufgeholfen und bot ihr den Trost, den ich verweigert hatte.

Ich trat ins Freie, atmete die heiße Luft ein, die nach Tod und Verwesung stank. Die Temperaturen würden den Geruch bald verstärken. Dämonenjagd war noch nie eine saubere Angelegenheit gewesen, aber im Sommer besonders ätzend. 

Die Ladentür hinter mir ging auf und zu. Keira und Jess waren mir gefolgt.

»Jess!«, rief Ben und eilte ebenfalls an mir vorbei, um sie zu begrüßen.

Jeder konnte sie umarmen. Jeder konnte für sie da sein.

Geh weiter!, redete ich mir zu. Jess hatte, was sie brauchte. Sie war versorgt. Sie würde geheilt werden, und dann machten wir weiter, so wie immer.

Ich hörte, wie Ben und sie sich umarmten, das Rascheln der Kleidung, das leise Seufzen von Jess, weil sie sich freute, jemand Vertrautes festzuhalten.

Ich sollte das sein. Ich sollte derjenige sein, der sie berühren, sie trösten, ihr Halt geben durfte.

Weiter.

»Geht es dir gut?«, fragte Ben. 

»Nein, aber es wird schon wieder.«

Ihre Worte schnitten direkt in mein Herz. Sie wünschte sich gewiss, dass ich doch noch innehielt, dass ich ihr sagte, wie sehr ich mich gesorgt hatte und ihr versprach, dass alles gut werden würde.

Worte! Als ob das ausreichen würde, ihr zu erklären, was ich für sie empf... Ich biss auf meine Unterlippe und zwang diese Gefühle wieder dorthin zurück, wo sie hergekommen waren.

»Du hast dich Hals über Kopf in sie verliebt«, hatte Ben zu mir gesagt.

Möglich.

Vielleicht.

Wen kümmerte es, wenn es so wäre?

 Ich zwang den nächsten Schritt hinaus und noch einen und noch einen. War doch eigentlich ganz einfach. 

»Wir reiten sofort los«, sagte Ben. »Jaydee will dich zu Raphael bringen.«

»Was ist mit Keira?«

Die konnte mit den Dämonen hier verrotten.

»Hey, Jaydee!«, rief Ben. »Kannst du Keira bei dir mitnehmen?«

»Nein!«, antwortete ich. So weit käme es noch. 

»Wir werden sie auf keinen Fall zurücklassen«, rief er mir hinterher.

»Dann soll sie zu Fuß gehen. Mit mir reitet sie jedenfalls nicht.« 

Ich erreichte Amir, kontrollierte den Sattel und wollte schon aufsitzen, aber Ben joggte zu mir und hielt den Zügel fest.

»Was?«, murrte ich.

»Wir können sie nicht zurücklassen.«

»Ich zeige dir sehr gerne, wie einfach wir das können. Ich steige auf Amir, du und Jess auf Mirabell, und dann reiten wir los. Kinderspiel.«

»Jaydee, ich meine das ernst. Wir werden nicht ohne sie gehen.«

»Dann solltest du zurückkommen und sie abholen, denn sie wird nicht bei mir aufsitzen.«

»Mir reicht es so langsam mit dir!« Ben trat näher, seine Stimme klang scharf und gereizt. Er war überdreht, so wie wir alle im Moment. »Du weißt genau, was zurzeit los ist. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass weitere Dämonen auftauchen.«

»Und? Keira kann sich großartig selbst verteidigen. Ich lass ihr sogar eine Titaniumklinge da.« Ein kleines Zeichen des Friedens von meiner Seite. Ich griff an den Sattel, wollte den Fuß in den Steigbügel stellen, doch Ben trat mir in den Weg. 

»Wir lassen sie nicht zurück!«

Meine Lippe zuckte. Ich hasste es, wenn mir jemand Vorschriften machte, und das wusste er genau. »Darf ich dich daran erinnern, dass wir wegen Keira erst in diesem Scheiß hier feststecken. Ich hätte Jess in der Antarktis fast gehabt!«

»Ach, geht es darum? Du willst der edle Ritter sein, der auf seinem Ross angeritten kommt, um die Prinzessin für sich zu gewinnen. Warum? Um sie dann wie Dreck zu behandeln? Was tust du mit diesem Mädchen, Jaydee?«

»Nichts! Ich ... Ich rette sie.« Vor den Dämonen und vor mir, denn wenn ich zu lange in ihrer Nähe blieb, wäre ich eine viel größere Gefahr für sie als alles andere. 

»Das ist die größte Grütze, die ich je von dir gehört habe.«

»Geh mir aus dem Weg, oder es wird gleich schmerzhaft werden.«

Ben rollte mit den Augen. »Das ist alles, was du kannst, oder? Drohen, um dich schlagen? Merkst du eigentlich, was du da tust?«

Sehr gut sogar, denn wenn ich mich nicht beherrschen könnte, wäre ich längst bei Jess. Ich würde ihren Geruch einatmen, ihre Nähe, ihre Wärme, alles. Sie rief nach mir, ihr Herz sehnte sich nach meinem, und es schmerzte mich so sehr, dass ich platzte, wenn ich es noch eine Minute länger ertragen musste. »Keira bleibt. Ende der Diskussion.«

»Dann garantiere ich dir, dass Jess es auch wird.«

»Lächerlich.« Ich wollte mich an Ben vorbeidrücken, aber er machte sich nur noch breiter.

»Es reicht, Ben.« Ich funkelte ihn an, ließ den Jäger hervortreten, was nach dem Morden eben ein Klacks war.

»Du wirst aufhören, dich wie ein verzogenes Kind zu benehmen, und deine verdammte Arbeit machen!« Das war alles, was er darauf erwiderte. Der Sack zuckte nicht mal mit der Wimper. »Es ist mir egal, ob du Keira leiden kannst oder nicht, aber wir lassen niemanden zurück.«

Ich beugte mich nach vorne, senkte die Stimme. »Du wirst gleich ernsthaften Schaden davontragen.«

»Nein, werde ich nicht.«

Seine braunen Augen hielten meine gefangen. Eine Hand legte sich auf meinem Unterarm. Ich fühlte Ben. Seine Emotionen, seine Leidenschaft, seinen Zorn und auch seine Freundschaft. Er würde nicht nachgeben. Nicht hier. Dazu war er zu sehr mit dem verwurzelt, was ihn ausmachte: Er war Polizist, von ganzem Herzen. Das war sein Element, und er würde Menschen helfen, kostete es, was es wollte.

Ich knurrte leise, spannte die Muskeln, aber noch immer hielt er mir stand. 

Ben verschränkte die Arme vor der Brust und baute sich wie eine Mauer zwischen mir und Amir auf. In diesem Moment erinnerte er mich so stark an Akil, dass es mir bis ins Mark schmerzte.

Meine Seele vermisste ihn.

»Ich hole jetzt Keira«, sagte Ben. »Und du wirst dich benehmen, ansonsten bekommen wir richtig Ärger miteinander.«

Das war kein dahergeworfener Spruch. Ich konnte wählen, ob ich meinen Stolz hinunterschluckte oder die Freundschaft zu Ben riskierte. 

Ich schloss die Augen, biss den Kiefer hart aufeinander. Das genügte Ben offenbar als Antwort, denn er räumte den Platz und lief zurück zu Keira und Jess. 

»Du kannst mit Jaydee reiten«, sagte er zu Keira. 

»Wirklich?«, fragte sie.

»Ja.«

»Er wird mich aber nicht unterwegs vom Pferd werfen?«

»Nein. Keine Angst.«

Das wäre aber eine gute Idee. Ich könnte so tun, als wäre es ein Unfall gewesen.

Sie kam langsam auf mich zugelaufen, taxierte aus, ob ich es mir nicht doch noch anders überlegte.

»Mach schon«, sagte ich nur, stieg auf und wartete, bis Keira bei mir war.

»Danke fürs Mitnehmen.«

Ich schnaubte zur Antwort, half ihr nicht mal aufs Pferd. Sie schaffte es auch ohne mich, und ehe sie sich richtig festhalten konnte, machte ich schon kehrt und lenkte Amir auf die lange Straße. Keira klammerte sich fester an mich, ihre Emotionen waren aufgewühlt, verwirrt. Ich schützte mich davor, zog alle Mauern hoch, die ich hatte. Das Letzte, worauf ich Lust hatte, war ihre Gefühlswelt.

Ich trieb Amir in den Galopp und schaffte mit ihm mühelos den Sprung zwischen die Welten. 


********


Die Reise dauerte zum Glück nur wenige Sekunden. Die Wärme der Sonne löste die Kälte des Portals ab. Ich bremste Amir im weichen Sand. Das leise Rauschen des Meeres empfing uns. Dazu wehte eine leicht salzige Brise und trug diesen ganz eigenen Duft aus Sand, Wasser und Kokospalmen mit sich. Dieser Ort war ein verfluchtes Idyll, das musste ich Colin neidlos zugestehen. Ich parierte Amir komplett zum Stehen und hörte hinter mir das Knallen des zweiten Portals. 

Jess und Ben waren ebenfalls angekommen. Ich wendete, sah über meine Schulter zu Keira, die sich nach wie vor fest an mich drückte. Ihr Herz schlug gegen meinen Rücken, ihr Atem kam stockend. Vermutlich hatte sie doch gebangt, dass ich sie abwerfen würde. 

»Runter«, sagte ich zu ihr. »Jetzt.«

Sie gehorchte und glitt halbwegs elegant von Amirs Rücken.

Ich fühlte Jess‘ Blick auf mir, doch ich wich ihr weiterhin aus. Sie musste aufhören, ständig um meine Aufmerksamkeit zu buhlen. 

»Wo müssen wir hin?«, fragte Ben und ritt auf mich zu.

Ich zeigte nach rechts, zu einem Weg, der zwischen den Palmen hindurchführte. »Colin ist das Oberhaupt dieser Familie. Ihm gehört die gesamte Insel. Das Haupthaus ist dort hinten, aber wir ...«

»... ihr seid natürlich bemerkt worden«, hörte ich seine Stimme, und kurz darauf trat er aus dem Palmendickicht hervor. Das letzte Mal hatte ich ihn gesehen, als Skyler zur Seelenwächterin geworden war. Damals hatte er mich mit großem Getöse vor die Tür gesetzt und hätte sich fast noch mit mir geprügelt, wenn Akil ihn nicht gestoppt hätte. Colin glaubte nach wie vor, dass ich für Skylers Absturz verantwortlich gewesen war, aber das war ich nicht. Dank Akil und mir war sie noch am Leben. Ich wollte keine Lorbeeren dafür, sonst hätte ich es schon längst aufgeklärt. Mir war es egal, was Colin von mir hielt. Sollte er mich ruhig hassen, wenn es für ihn einfacher war.

Colin hatte sich kein bisschen verändert seit unserer letzten Begegnung. Er trug luftige Kleidung, war barfuß, und sein Hemd stand halb offen. Diese Insel schien ihm gutzutun, denn seine Haut war braun gebrannt, bis auf die wenigen Stellen an seinen Armen, die von wulstigen Narben überdeckt waren. Soweit ich wusste, hatte er sie noch aus Menschenzeiten. Vielleicht war er mal in ein Feuer geraten oder so. Eigentlich interessierte es mich nicht weiter. 

»Colin.« Ich nickte ihm zu und sprang von Amir. Das könnte gleich lustig werden.

»Du hast Nerven, hier aufzutauchen.«

Es störte mich immens, dass wir auf ihn angewiesen waren, dass ich hier als Bittsteller auftauchte, aber ich hatte keine andere Wahl. Ich biss die Zähne hart aufeinander und bemühte mich um einen freundlichen Ton. »Wir ... Wir brauchen deine Hilfe.« War das devot genug? Ich hatte keine Ahnung.

Colin nickte, sein Geruch nach abgebranntem Feuer wurde intensiver. Ein Zeichen dafür, dass die Wut in ihm hochkochte, ich kannte es zu gut von Will. Colin kam näher, die Luft zwischen uns heizte sich auf, genau wie sein Gemüt. Ich konzentrierte mich auf meinen Atem, versuchte, Ruhe zu bewahren und nicht auf sein Platzhirschgehabe einzugehen. Er war hier der Chef. Ich gehörte in die zweite Reihe.

Ganz ruhig. 

»Bitte?«, sagte Colin mit gepresster Stimme. »Ich hab vermutlich Sand im Ohr, denn ich hab dich nicht richtig verstanden.«

Arschloch.

Ich ballte die Hände zu Fäusten, atmete ein und hielt die Luft in der Lunge. »Wir können im Moment nirgendwo hin, unser Anwesen wurde zerstört.«

»Davon habe ich gehört.« Wieder änderte sich Colins Geruch. Würde ich die Augen zumachen, könnte ich mir vorstellen, neben einem Lagerfeuer zu stehen. Er kratzte sich am Kinn, ließ sich absichtlich Zeit mit der Antwort. 

Dann änderte er seine Körperhaltung, seine Schultern spannten sich an, ich erkannte binnen Sekunden, was er vorhatte: mir eine reinhauen. Und ich musste es aushalten.

Der Schlag stand ihm zu. Ich durfte mich nicht wehren, nur dastehen und ...

Seine Faust traf voll auf meine Nase. Schmerz schoss durch meinen Schädel, ich hörte Knochen krachen, taumelte rückwärts, stürzte fast, doch konnte mich im letzten Moment abfangen.

Verdammt, der hatte gesessen.

Ich schluckte, kämpfte den Jäger zurück, der sich sofort angesprochen fühlte. Mit einem Murren wischte ich das Blut von der Nase und richtete mich auf. »War’s das etwa schon?«, fragte ich ihn und wartete, bis der Schmerz nachließ.

»Nein, du Arsch! Aber du hast Glück, dass im Moment ein Ausnahmezustand herrscht und ich euch schlecht wegschicken kann. Außerdem sehen die beiden Damen aus, als bräuchten sie Hilfe.«

Colins sah zu Jess. »Bist du der Mensch mit der Fylgja?«

Ja, und du lässt sie gefälligst in Ruhe. 

»Ich bevorzuge Jess, wenn es recht ist.«

»Ja, natürlich. Entschuldige, aber die jüngsten Ereignisse zerren an unser aller Nerven.« Colin entfernte sich von mir, was mir Zeit gab, durchzuatmen und mich zu sammeln.

Ich tupfte das restliche Blut von meiner Nase, hörte mit einem Ohr Colin zu, wie er sich auf den neuesten Stand bringen ließ. Langsam fügten sich auch die Knochen in meiner Nase zusammen, und der Schmerz ebbte ab.

Ben kam zu mir, sein Blick war weicher geworden als vorhin. Er musterte kurz meine Nase, bemerkte dann aber, dass sie abheilte. Wir klärten noch die Einzelheiten, wer wen wo abholte. Im Moment waren wir überall verteilt, und wir mussten erst wieder alle an einem Ort versammeln. Es würde dauern, aber wir bekämen es schon hin, und dann ...

»Jaydee!«

Die Stimme trieb mir die Hitze in die Glieder. Ich drehte mich um, sie kam den Weg heruntergerannt, ihre feuerroten Haare flatterten im Wind. Selbst aus der Entfernung erkannte ich ihre blauen Augen, die mit dem Himmel um die Wette strahlten.

Skyler war früher schon erfüllt von einer Euphorie niemals enden wollender Energie gewesen. Als Seelenwächterin hatte sich das nur noch verstärkt.

»Oh, mein Gott! Hab ich doch richtig gesehen!«

Der Art nach zu urteilen, wie freudestrahlend sie auf mich zuschoss, konnte das gleich etwas ausarten. Skyler fackelte nicht lange, nahm sich, was sie wollte und wann sie es wollte. Womöglich hätte ich vorher mit ihr sprechen sollen, ihr klarmachen müssen, dass es mit uns nicht so weitergehen würde wie nach dem letzten Mal, als wir uns gesehen hatten. Da hatten wir uns zwei Tage und Nächte in einem Hotel in L.A. einquartiert und es mächtig krachen lassen. Sie dachte bestimmt, dass wir genau da anknüpfen könnten, dass das Feuer zwischen uns immer noch brannte. Während ich überlegte, wie ich ihr am besten aus dem Weg gehen konnte, erreichte sie mich auch schon. 

Sie war eindeutig schneller geworden. Verdammte Luftwächter! Ehe ich mich versah, umschlang sie mich mit den Beinen und den Armen und presste ihre Lippen auf meine.

Ich hörte Jess nach Luft schnappen, spürte ihren Blick auf uns. 

Skyler klammerte sich fester an mich und teilte meine Lippen mit ihrer Zunge. Ehe ich es aufhalten konnte, entwich mir ein leises Stöhnen, was sie natürlich als Aufforderung verstand, sich enger an mich zu drücken. Mein Körper reagierte prompt. Auch er erinnerte sich zu gut an Skylers Rundungen. Wusste, was sie mit dieser Zunge und ihren Fingern anstellen konnte. Meine Hände glitten auf ihren Hintern, eigentlich, um sie von mir zu schieben, doch sie küsste mich nur noch intensiver und rief alles wach, was wir je miteinander geteilt hatten.

Ich packte energischer zu und schaffte es endlich, mich von ihr zu lösen. Mein Kopf schwirrte, meine Beine fühlten sich wacklig an.

Scheiße, die Frau war zu intensiv.

»Ist das schön, dich zu sehen.« Sie strahlte von einem Ohr zum anderen. 

Ich zog ihre Hände aus meinem Nacken, bemerkte, wie Jess jede meiner Bewegungen genau studierte. Würde ich sie jetzt ansehen, würde ich all die Enttäuschung und den Schmerz erkennen, den das hier in ihr verursachte. Es war eine Klatsche mitten in ihr Gesicht. Skyler hatte sich zwischen uns geschoben, ohne es zu wissen oder zu ahnen, was sie gerade angerichtet hatte.

Ohne jemanden zu beachten, drehte ich mich um, schwang mich erneut auf Amir und galoppierte davon.

Weg.

Ich wollte nur noch weg von diesem Ort.

Und von den Frauen.


********


Es dauerte knapp fünf Stunden, bis wir alles erledigt hatten. Ben und ich hatten den Rest seines Volkes geholt und uns mit ein paar Dämonen herumschlagen müssen. Das Kämpfen hatte mir gutgetan und mir geholfen, viel von dem Druck rauszulassen, der sich durch Jess‘ Nähe in mir angestaut hatte. 

Zumindest so lange, bis ich wieder hier war und ihre Nähe auf meiner Haut spüren konnte.

Zum gefühlt hundertsten Mal lief ich vor ihrer Tür auf und ab und versuchte mich zu überwinden, anzuklopfen.

Was war eigentlich mein verdammtes Problem? 

Ich hatte keine Ahnung, denn eigentlich hatte ich mir vorhin noch vorgenommen, mich von ihr fernzuhalten. Skyler hatte mir das perfekte Sprungbrett geliefert, ich müsste nur darauf eingehen, Jess zeigen, dass das mit uns beiden nicht klappen würde. 

Was tat ich stattdessen? Stromerte vor ihrem Bungalow auf und ab und lauschte dem leisen Pochen ihres Herzens. 

Ich war dumm. Nein, unzurechnungsfähig. Oder liebeskrank. Oder wusste der Geier was. Aber das hier war einfach lächerlich!

Ich ... Was machte meine Hand da? Warum klopfte ich an ihre Tür?

Zu spät. 

Es raschelte im Inneren. Jess hatte mich gehört, doch noch wusste sie nicht, dass ich es war. Noch konnte ich weg und ... »Blümchen?«, hörte ich mich auf einmal sagen und biss mir auf die Lippen. 

Sie reagierte nicht. 

Gut.

Oder? 

Ich drückte mich näher an die Tür, konnte es kaum ertragen, dass sie nicht auf mich einging, obwohl es genau das war, was ich mir vor ein paar Stunden noch gewünscht hatte.

»Ich weiß, dass du wach bist, ich höre es an deinem Herzschlag.«

Keine Antwort.

»Darf ich reinkommen?« Hör auf zu reden, verdammt!

»Nein.«

Ich trommelte mit den Fingern auf meine Oberschenkel und dachte fieberhaft darüber nach, was ich hier überhaupt machte. Ich ertrug ihre Zuneigung nicht und ihre Ablehnung noch viel weniger. Herrgott noch mal, wann war das alles so elendig kompliziert geworden?

Ich nahm meinen Mut zusammen und drehte an der Türklinke. Abgeschlossen. 

»Jess, bitte.« Ich bemühte mich, sanfter zu klingen als vorhin. 

»Ach, jetzt hab ich wieder einen Namen?«

»Ich ... Können wir reden, ohne dass eine Tür zwischen uns ist?«

»Zwischen uns wäre noch immer eine Tür, selbst wenn ich öffne. Du bist doch derjenige, der mich aussperrt.«

Ja. Ja. Ja, zum Teufel. Sie hatte recht. Ich war beziehungsunfähig. Aber ich konnte das nicht im Raum hängen lassen. Nicht so. Meine Hand glitt über das Holz, strich sanft darüber, als könnte ich es so dazu bringen, mir den Weg freizumachen. »Ich muss dich sehen.«

»Geh einfach, Jaydee.«

Das sollte ich wirklich tun, aber meine Füße waren wie angewurzelt. Jess‘ Geruch hatte mich eingesogen, sich meiner bemächtigt und mich an diese Stelle geklebt. Wenn es sein musste, würde ich die ganze verdammte Nacht hierbleiben.

Ich lehnte mich gegen den Türrahmen, schloss die Augen und lauschte dem leisen Pochen ihres Herzens, das sich mit dem Rauschen des Meeres vermischte.

Jess.

So nah und dennoch so fern. 

Ich hatte keine Ahnung, was diese Frau mit mir anstellte, wie sie diese Macht über mich haben konnte. 

»Hast du nichts Besseres zu tun?«, fragte sie auf einmal.

»Im Moment nicht, nein.«

Ich strich weiter das Holz auf und ab, lauschte ihren Schritten, die sich mir näherten. Schneller als ich vermutet hatte, riss sie die Tür auf, und ich fiel ihr fast in die Arme. Zum Glück konnte ich mich vorher abfangen.

»Was soll das?«, blaffte sie. 

»Ich hatte mich angelehnt und nicht damit gerechnet, dass du so schnell ...«

»Nein! Das! Du! Ich! Wir beide! Dieses elende Hin und Her. Freundlich. Abweisend. Freundlich. Abweisend. Fällt dir eigentlich auf, wie du mich behandelst? Was du mit mir machst? Und als wäre das nicht genug, knutschst du vor meinen Augen eine andere!«

Bäm. Der musste noch mal kommen. »Das hatte nichts zu bedeuten. Skyler wusste nichts von dir und ... von uns.«

»Hast du es denn richtiggestellt?«

»Das werde ich noch.«

»Und was willst du ihr sagen?«

Dass du die faszinierendste Frau bist, die ich je kennengelernt habe. Dass sich meine Seele nach dir verzehrt, dass ich dich haben will, mit allem, was dazu gehört, dass ich meine Lippen über deinen wunderschönen Körper gleiten lassen möchte, dass ich jeden verdammten Zentimeter an dir kennenlernen will, dass ich jeden Morgen mit dir aufwachen und jeden Abend mit dir einschlafen will – und das alles, obwohl ich weiß, wie bescheuert und utopisch sich das anhört. 

Statt auch nur einen Pieps zu sagen, bohrte ich in einem Loch an meinem Shirt herum, das mir ein Dämon vorhin hineingerissen hatte.

Jess bemerkte es natürlich. »Was ist passiert?«

Vielleicht war es doch keine schlechte Idee, die Kampfmontur anzulassen, es schien ihr Herz zu erweichen. Ich erklärte ihr, was Ben und ich getan hatten, was es Neues gab, dass Logan nun auch im Tempel der Wiedergeburt lag, wie wir gekämpft hatten.

Jess hörte mir aufmerksam zu, schloss die Augen und verzog das Gesicht. Wie viel Gewalt konnte sie noch verkraften, ehe sie zusammenbrach? Ich trat näher an sie heran, wollte ihr so gerne etwas von all dem Schmerz abnehmen, der sich um ihre Seele gelegt hatte. »Jess.«

Sie sah mich an und zuckte zusammen. Zu nah. Wir waren zu nah. Kaum hatte ich diesen Abstand überbrückt, hörte ich schon wieder den Jäger in mir. 

Sieh sie dir an: Du musst nur zugreifen.

Und genau das tat ich: Sie ansehen, nicht zugreifen. 

Jess trug ein frisches Shirt, ihre Haare dufteten nach einem fremden Shampoo, das aber kaum ihren ganz eigenen Geruch übertünchte. Ich hörte das leise Rauschen ihres Atems, fühlte die angenehme Wärme ihres Körpers. Sie sah mir fest in die Augen, schien dort etwas zu suchen, was uns beide verband.

Ich wünschte mir so sehr, dass sie es fand. Dass sie mir sagen konnte, wie wir das mit uns hinbekämen, denn ich hatte weiß Gott keine Antwort. Sie lehnte sich nach vorne, ich ließ es zu, auch wenn ich dadurch nur mit Mühe ein Knurren unterdrücken konnte. Meine Nackenhaare richteten sich auf, genau wie der Jäger. Er fuhr seine Klauen aus, bohrte sie tief in meine Handinnenfläche. 

»Können wir bitte drinnen weiterreden?«, fragte ich, damit sie sich von mir entfernte, denn ich hatte jegliche Kraft verloren.

Sie machte mir tatsächlich Platz, ich griff ihren Rucksack, den ich mitgebracht und neben der Tür abgestellt hatte, und folgte ihr ins Zimmer. 

»Mein Rucksack«, sagte sie freudestrahlend.

»Ich dachte, die Sachen könnten wichtig für dich sein. Oder für uns, keine Ahnung. Die Tätowierpistole ist auch drin. Nur noch immer ohne genügend Tinte.«

»Danke. Leg ihn da drüben ab.«

Hatte sie das mit der Tinte überhört? Warum ging sie nicht darauf ein? Ich deponierte die Sachen auf dem Stuhl, umklammerte die Rückenlehne und sortierte meine Gedanken. 

»Ist noch was?«, fragte sie.

»Ja.«

»Und was?«

Wie sollte ich ihr das sagen? Wie konnte ich ihr begreiflich machen, was ihre Nähe mit mir machte? Dass mir schwindelig war, dass ich nicht klar denken konnte, dass ich sie brauchte und dennoch nur von ihr wegwollte. 

»Jaydee, das geht so nicht. Du musst mit mir sprechen!«

Ja. Sie hatte recht. 

»Ich werde Keira nach mehr Tinte fragen. Falls nicht, vielleicht kann Will die vorhandene verlängern.«

»Würde es irgendetwas ändern?«

War die Frage ernst gemeint? »Ich könnte dich anfassen.«

»Du benimmst dich nicht so, als würdest du das wollen.«

Verflucht. Ja. Nein. Gott, das war so verwirrend. Wie konnte ein Mensch nur so dermaßen verkorkst sein? »Seit ich dich in diesem Supermarkt wiedergesehen habe, möchte ich nichts anderes.«

»Schön, dass du mir das auch zeigst.«

Ich biss die Zähne aufeinander. Dass sie mich so behandelte, hatte ich verdient und es auch darauf angelegt; aber jetzt, da ich ihre Wut so deutlich wahrnahm, ertrug ich sie kaum. Ich öffnete den Rucksack und holte ihren Dolch heraus, den ich auch eingepackt hatte. Er war in einem Stoff eingewickelt, doch ich spürte sogar durch das Material  seine Wirkung auf mich. Ich hasste diese Waffe abgrundtief. Sie ritzte über mein Herz, genau wie Jess.

Ich drehte mich herum und warf ihn auf das Bett; erleichtert darüber, dass ich ihn nicht mehr festhalten musste.

Jess sah mich erst fragend an, dann wickelte sie den Stoff ab und befreite ihren Dolch. »Mein Messer!«

»Nimm ihn.« Es war besser für uns beide.

Sie gehorchte und legte ihre zarten Finger um den Griff. Der Jäger horchte sofort auf, ging in Alarmbereitschaft. Ich sollte gehen. Jetzt. Ich sollte es ausnutzen, dass Jess sauer auf mich war und mich aus dem Staub machen, stattdessen lief ich auf sie zu. 

Langsam. Bedächtig. Ohne eine Ahnung, was ich eigentlich vorhatte. 

»Jaydee ...«

»Still. Bitte. Sei einfach ... Gib mir einen Moment.« Zum Durchatmen, zum Genießen. Zur Ruhe.

»Okay.«

Ich trat einen weiteren Schritt auf sie zu und fühlte schon wieder ihre Wärme nach mir greifen. »Als Will dich entführt hat ...«

»Ralf.«

»Ich war ... Du warst auf einmal weg, und ich ...« 

Geh. Geh. Geh. Ich spannte die Finger, ließ locker, spannte sie erneut.

Was tat ich hier?

»Es ging alles so schnell«, sagte sie.

»Ich konnte nur noch daran denken, dich zurückzuholen. Ich bin fast wahnsinnig aus Sorge geworden und habe alle verrückt gemacht. Ich habe mich mit dem Rat angelegt. Mit Soraja und Derek und ... ich ...« Gott, hör auf zu reden! Nicht so. Nicht so direkt. Lass sie lieber in dem Glauben, dass du sie nicht willst. »Ich muss sogar in die Isolation deshalb, aber ich konnte mich nicht beherrschen. Ich musste dich finden, und niemand konnte oder wollte mir helfen.«

Sie schluchzte leise, und als ich sie ansah, erkannte ich die Tränen in ihren Augen. 

Nein. Nein. Bitte. Mein Finger zuckte, ich kämpfte um Beherrschung, wollte sie ihr so gerne wegwischen, genau wie damals im Stall, aber ich konnte nicht. Ich konnte sie verdammt noch mal nicht anfassen. Genauso wenig wie ich aufhören konnte, zu reden. »Du hast absolut keine Ahnung, wie das für mich war. Was das in mir angerichtet hat.« Du hast mich zerbrochen! Komplett.

»Aber das war nicht meine Absicht.« Sie schniefte, wollte den Dolch weglegen, um sich die Nase zu putzen.

»Behalt ihn!«, rief ich. »Du musst ... Versprich mir, dass du ihn festhältst, egal, was gleich passieren wird.« 

»Du machst mir Angst, Jaydee.«

Ich mir auch.

So hilflos und verloren hatte ich mich seit Ewigkeiten nicht mehr gefühlt. Ich hatte mich verirrt. Irgendwo zwischen New York und dieser Insel war etwas von mir zurückgeblieben, und ich konnte es nicht wiederfinden. Jess hatte sich viel zu tief in mein Herz gegraben, ich hatte zugelassen, dass sie mir zu nahekam. Dass ich ihr zu nahekam.

Wer bin ich? Wer sind wir? So viele Fragen und dennoch nie eine Antwort darauf. Ich sah sie an, suchte die Lösung für uns in ihren wunderschönen braunen Augen. 

Sie schauderte, bekam eine Gänsehaut. Meine Nähe machte ihr genauso zu schaffen wie mir ihre. Wir beide waren auf eine groteske Art und Weise füreinander bestimmt, und dennoch konnten wir nie zusammensein.

»Als ich dich im Supermarkt mit dem Dämon gesehen habe, hat es mir fast den Boden unter den Füßen weggezogen. Wenn ich zu spät gekommen wäre oder wir dich nicht gefunden hätten ...«

»Aber das hast du.«

»... ich wäre durchgedreht, wenn dir etwas zugestoßen wäre.«

Nein, ich wäre mit ihr gestorben. Ich hatte Mikael verloren, und sein Tod hatte mich fast zerstört. Er war der einzige Mensch gewesen, den ich je geliebt hatte. Und nun?

Was war Jess für mich?

Ich schluckte, überbrückte die Distanz zu Jess, bis ich nur noch meinen Arm ausstrecken musste, um sie zu berühren. »In dem Moment ist mir so vieles klar geworden.«

»Was denn?«

Dass ich mich verdammt noch mal in dich verliebt habe. 

Der Gedanke setzte sich in mein Gehirn fest. Er sickerte nach unten, wie Schwebekörper im Wasser. Der Schlamm in mir lichtete sich, hinterließ die Klarheit und Gewissheit, dass es stimmte. 

Ich liebte diese Frau.

Scheiße.

»Versprich mir, dass du den Dolch festhältst«, brachte ich hervor.

»Warum ist das so wichtig?«

»Tu es!«

Ich hob eine Hand, konnte zum Glück das Zittern unterdrücken. Sollte ich es wagen? Konnte ich es wagen?

Sie drehte den Kopf. War so nah. So elendig nah, dass es mir fast die Füße unter dem Körper wegriss. »Der Dolch! Ich muss es hören, Jess. Versprich mir, dass du den Dolch festhältst.«

»O-okay. Ich verspreche es.«

»Gut. Eine Minute. Vielleicht zwei.«

Jetzt. Tu es einfach! Sie öffnete den Mund, wollte noch etwas fragen, aber ich ließ ihr keine Gelegenheit dazu. Meine Lippen pressten sich auf ihre. Fest und viel zu hart. Jess‘ Emotionen fegten durch mich hindurch. Sie löste einen wahren Schwall an Schmerz in mir aus, zerriss meine Seele in tausend Teile und ließ sie genauso liegen.

Ja!, brüllte der Jäger. Nimm sie dir!

Ich wollte mehr. So viel mehr. Meine Hände umklammerten ihren Kopf, unschlüssig, ob ich sie näherziehen oder ihr lieber das Genick brechen sollte.

Ich keuchte, musste mich entscheiden, was ich tun wollte. Sie umklammerte den Dolch fester, und genau das war es, was ich gebraucht hatte: die Gewissheit, dass sie sich gegen mich wehren konnte und mir nicht hilflos ausgeliefert war. Wenn wir nur einen Moment der Nähe hätten, würde ich mit Freude die Wucht ihrer Emotionen ertragen. Schmerz verging, aber das hier nicht.

Ich schob sie nach hinten, bis die Wand uns stoppte. Meine Zunge glitt in ihren Mund, sie machte mir Platz, ließ mich mit einem leisen Stöhnen ein. Ich versank in ihr, küsste sie härter und intensiver als je zuvor. Es war die pure Verzweiflung, der reine Schmerz. Meine Zähne schabten über ihre Lippen. In mir tobte ein Sturm aus fremden Gefühlen und dem Schwindel dieses Kusses.

Hör auf! Töte sie lieber!

»Jaydee«, keuchte sie und löste sich von mir. Ich tat ihr weh. Körperlich. Seelisch. Das war alles zu viel. Für uns beide. Ich bog ihren Kopf nach hinten, damit sie mich ansehen musste. Ihre Augen weiteten sich. Mir war klar, was ihr zurückblickte: Silber. Der Jäger. Der Tod. Nur noch mehr Schmerz.

Und vielleicht Liebe?

Sah sie es?

Spürte sie es?

Ich rieb meine Nase an ihrer, saugte an ihrer Oberlippe und biss hinein. Sie zuckte, ich schmeckte das Blut, wollte mehr davon. Noch viel mehr.

Sie schob eine Hand zwischen uns, drückte mich zurück, aber ich hatte sie gekostet und den Jäger angefüttert. Wieder küsste ich sie. Noch härter. Noch fester. Sie machte dicht, sperrte sich gegen mich, aber ihre Gegenwehr war zu halbherzig. 

»Jaydee ...«, keuchte sie erneut. Aus ihrer Stimme hörte ich das Verlangen nach mir heraus. Wie konnte sie mich wollen, wenn ich so ein Monster war? Wenn ich ihr nichts außer Schmerzen brachte?

Auf einmal spürte ich einen leichten Druck an der Seite meines Halses. Jess hatte den Dolch angehoben und presste ihn gegen meine Haut. 

Ah, gut ... Sie hatte es begriffen.

Ich beendete unseren Kuss, drückte meine Stirn gegen ihre und badete für einen Moment in ihrem Duft.

»Warum muss das so zwischen uns sein?«, fragte sie zitternd, wollte die Waffe senken, doch ich griff danach, schloss die Finger um die Klinge und drückte zu, bis ich mein Blut spürte und den Schmerz, den der Jäger so sehr hasste.

»Ich will das nicht, Jaydee. Ich will mich nicht von dir fernhalten.«

»Ich weiß. Ich will es auch nicht.«

Sie bebte. Innen und außen. Genau wie ich.

»Jess, ich ...« Nein, nein. Stopp! Ich biss mir auf die Lippen, studierte Jess‘ Gesicht, als würde ich sie das erste Mal sehen. »Ich bin in ... Ich habe mich ...«

»Was?«

Nicht weiter. Nicht jetzt. Nicht so. Ich wollte, konnte diese Worte nicht aussprechen. Es war zu früh. Oder zu spät. Oder zu falsch. Ich drückte noch fester gegen den Dolch und hoffte, dass der Schmerz all diese Gefühle in mir vertrieb.

»Hör auf damit.« Jess wollte mir die Waffe wegnehmen, aber ich ließ sie nicht. »Was willst du mir sagen?«

Ich kann nicht. Begreifst du das nicht?

Wenn ich diese Worte aussprach, mich ihr auf diese Weise mitteilte, gab es kein Zurück. Nur noch mehr Hoffnung, die der Jäger bei nächster Gelegenheit zerschmettern würde.

Ich riss mich von ihr los, drehte herum, unschlüssig, wohin ich sollte. Rechts, links, ich musste nur weg. Ich entschied mich für die Terrasse. 

Jess folgte mir. Ihre Anspannung breitete sich im gesamten Raum aus, griff nach mir, wollte mich zurückholen, aber ich eilte weiter. 

Mein Körper vibrierte vor Jess‘ Nähe, meine Lippen schmeckten nach ihr, meine Haare dufteten wie sie, meine Haut, einfach alles. 

Ich erreichte die Terrasse, sie war mit einer Balustrade vom restlichen Strand getrennt. Dahinter ging es knappe drei Meter in die Tiefe. Mit einem einzigen Satz stand ich darauf, ließ den Wind über mich streifen. Er kühlte meine erhitzte Haut und fegte gleichzeitig die Erinnerung an diesen Kuss aus meinen Knochen.

Ich blickte zum Horizont. Die Sonne ging unter, hieß mich mit ihren letzten glutroten Strahlen willkommen. Es sah aus wie Dantes Inferno, ich musste mich nur nach vorne fallen lassen, um auf den nächsten Ring der Hölle zu gelangen.

Hinter mir hörte ich Jess. Ich drehte mich zu ihr um, erkannte all die Sehnsucht und Hoffnung in ihrer Miene – und es schnürte mir nur noch mehr das Herz zusammen. 

Sie und ich.

Niemals.

»Jaydee, was willst du mir sagen?«, fragte sie erneut. 

Ich verzog das Gesicht. Ich kann nicht, wollte ich erwidern. Es geht nicht. Es ist falsch. Stattdessen machte ich einen Schritt nach vorne und ließ mich in die Tiefe fallen.

Jess eilte zur Brüstung, blickte mir nach, aber ich fing meinen Sprung mit einer Rolle ab und suchte Schutz in den Schatten, die die Nacht ankündigten. 

Mein Reich.

Die Dunkelheit.

Ein Ort, an den sie mir nicht folgen konnte.