Vor vier Tagen. Arizona. Anwesen der Seelenwächter

 

»Hier«, rief Marysol und warf Akil eines ihrer Schwerter zu. 

William wich gemeinsam mit den beiden zurück und erschuf einen Feuerball mit seinen Händen, den er auf den fremdartigen Dämon schleuderte. Erst hatte er nicht begreifen können, was über ihrem Anwesen erschienen war. Der Himmel war nur von dunklen Schatten bedeckt gewesen, aus denen sich schließlich ein Wesen geformt hatte. Wie ein Engel der Apokalypse hatte es sich am Himmel manifestiert, seine Schwingen ausgebreitet und die drei Seelenwächter fixiert. Als hätte Gott die nächste Apokalypse ausgerufen und den ersten Gesandten geschickt.

Kedos.

Ein Wesen aus alten Zeiten. Eine Legende der Dowanhowee, die nun lebendig geworden war.

Der Feuerball traf Kedos am Rumpf und verpuffte wirkungslos. William stutzte, nutzte jedoch die Zeit, um dem Angriff des Dämons auszuweichen. Obwohl er nur aus Schatten bestand, krachte er mit einem lauten Knall ins Gästehaus und riss das halbe Gebäude nieder. Je stärker er kämpfte, desto menschlicher wurde seine Gestalt. Aus den Schatten formten sich Sehnen und Muskeln, dunkle Haut. 

William hatte in seinem langen Leben viel Grauen gesehen und in die dunkelsten Abgründe geblickt. Er hatte Schattendämonen getötet, er hatte gegen seinen eigenen Bruder gekämpft und ihn in die Hölle geschickt.

Er wusste, dass es viel Böses auf dieser Welt gab. Aber das hier war neu.

Es war fremd.

Es war kalt.

Es kam von einem finsteren Ort, an dem keine Sonne schien, an dem alles Helle wirkungslos verpuffte und nicht einmal die Liebe Macht besaß.

Williams Finger zuckten, er wollte nach seinem Kreuz greifen, das er um den Hals trug und ihm für alle Prüfungen des Lebens Kraft spendete. Gott war bei ihm, aber William war sich nicht sicher, ob er dieses Mal helfen konnte.

»Du gehörst mir, Seelenwächter«, brüllte Kedos mit dunkler Stimme, die William einen Schauer über den Rücken jagte. 

William schüttelte sich, suchte seine Kraft und fand sie in dem Feuer, das durch seine Adern floss. Sein Element stand ihm bei. Er war nicht allein. Nie. William formte den zweiten Feuerball und schoss auch diesen auf das Wesen, doch Kedos fegte ihn in einer einzigen Bewegung weg, holte weiter aus und schlug William die Faust gegen den Kopf. Der Aufprall raubte ihm kurzzeitig die Sinne. Sein Schädel explodierte, er sah nur noch schwarze und helle Punkte, taumelte, fiel, blieb liegen.

William versuchte, sich aufzurichten, bekam nur noch am Rande mit, was mit ihm passierte.

Das Kampfgetümmel ging weiter. William hörte Akil und Marysol, wie sie auf Kedos einschlugen und versuchten, ihn zurückzudrängen. 

Ich muss ihnen helfen ...

William schüttelte sich, stemmte sich zitternd nach oben und bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Marysol durch die eingestürzte Wand des Gästehauses geschleudert wurde und bewusstlos in den Trümmern liegen blieb. 

Mit wackeligen Knien kam William in die Höhe, hielt seine Hände zusammen und konzentrierte sich auf einen anderen Zauber. Wenn Feuer wirkungslos war, musste er etwas anderes versuchen. Er hob die Hände, die Luft flirrte zwischen seinen Händen und baute die Energie auf, die er für den Zauber benötigte. William ließ sich darauf ein, gab alles in diese Magie, was er an Kraft hatte. Mit einem Keuchen entließ er den Schockzauber auf Kedos, wurde selbst durch den Rückschlag einen Meter nach hinten gedrängt.

Er blickte auf, der Zauber traf Kedos und ...

... verfehlte erneut seine Wirkung.

Es war hoffnungslos.

William fluchte leise und hob erneut die Hände. Er würde nicht aufgeben, solange er stehen konnte. Sie mussten Kedos dorthin zurückdrängen, wo er hergekommen war.

Der Dämon blickte zwischen Akil und William hin und her, als könnte er sich nicht entscheiden, wen er zuerst angreifen sollte. Akil übernahm die Initiative, stürzte nach vorne und stach auf Kedos ein. Doch auch seine Klinge schadete dem Dämon nicht, sie glitt einfach durch seine Haut.

William atmete kurz durch, dann fokussierte er sich erneut auf sein Element und formte einen Feuerball nach dem anderen, die er unter Dauerbeschuss auf Kedos warf. 

Auch Marysol kam endlich zu sich und kletterte aus den Trümmern, doch als sie angreifen wollte, klappte Kedos einen seiner mächtigen Flügel aus und durchbohrte ihren Bauch.

Sie schrie, Kedos warf sie weg wie ein nutzloses Spielzeug und lachte finster. William hielt die Luft an, verankerte seine Beine im Boden und nahm alles, was sein Element ihm noch anbieten konnte. 

Gemeinsam mit Akil kämpfte er, zog die letzten Kräfte aus sich heraus – und doch war es nicht genug. Kedos erlangte die Oberhand, er zwängte Akil auf die Erde, fixierte ihn mit einem Fuß auf den Brustkorb und legte die Hände an seine Schläfen. 

»Gib mir zurück, was mir gehört«, hörte William Kedos noch rufen. Dann wurde er von einem heftigen Schlag getroffen.

William sackte in den Knien ein. Schmerz breitete sich von seiner Schläfe aus und sickerte in seinen gesamten Körper. Nein, es war nicht nur Schmerz, es war mehr als das.

Es war das Ende.

Williams Körper, seine Seele, sein gesamtes Sein wurde in zwei Hälften gespalten und in tausend Stücke zerrissen. Er spürte etwas seine Wangen hinunterlaufen. Brennend und ätzend. Es zog ihn tiefer nach unten, versengte seine Haut, raubte ihm den Atem. William versuchte, die Augen zu öffnen, doch er konnte nichts mehr sehen. Da war nur noch Finsternis, nur noch Schwärze. Sein Element schrie mit ihm auf. Es brodelte in ihm, wollte sich genauso befreien wie William – aber es konnte nicht. William hatte das Gefühl, als würde alles an Kraft aus seinen Adern fließen, als würde er sich in Flüssigkeit auflösen und in diesem Schmerz zergehen.

»Akil ...«, keuchte er, mehr brachte er nicht zustande.

»So ist’s gut«, flüsterte Kedos. »Sei mein Medium, bringe mir, was mir zusteht!«

William wurde nach vorne gerissen, bäumte sich ein letztes Mal auf und wurde eins mit seiner Familie. Mit einem Mal fühlte er eine Verbindung zu Akil, zu Anna, sogar zu Ilai. Ihre Seelen wurden eins. Sie waren eine Familie, sie gehörten zusammen. 

»Ich bin das Böse«, rief Kedos.

William röchelte kraftlos, die Stärke seines Elements glitt aus ihm heraus.

»Vater unser im Himmel ...«. William hielt an dem Letzten fest, das er noch hatte: seinem Glauben. Er suchte nach Gott, suchte nach Erlösung und nach Stärke.

»Bitte, hilf uns!«

Der Schmerz und der Druck nahmen weiter zu. William umschloss mit letzter Kraft das Kreuz, das um seinen Hals hing, und betete. 

Gott.

Stärke.

Vertrauen.

Er würde ihn nicht verlassen, er würde ihm beistehen. Für immer.

Auf einmal gab es einen ohrenbetäubenden Knall, und der Druck stoppte augenblicklich. William atmete tief ein, der Schmerz in seinem Inneren ließ nach, gab ihm wieder Raum. Zum Atmen. Zum Fühlen. Und zum ... William blinzelte. Spürte immer noch diese Flüssigkeit auf seinen Wangen kleben. Er richtete sich auf, und erst da wurde ihm bewusst, dass etwas anders war. Dass etwas fehlte. 

»Hey«, rief Akil, ließ sich neben ihm nieder und half William auf die Beine.

»Ich ...« Wieder suchte William nach dem Kreuz um seinen Hals, doch seine Finger zitterten so stark, dass er es nicht fand. Akil half ihm, drückte das Schmuckstück in seine Hand und schloss seine warmen Finger über seine.

»Mein Element«, flüsterte William, und es schnürte ihm die Kehle zu, während er das sagte: »Es ist weg.«